Anna Lena Straube  RENAISSANCE 8

Stefan Trinks: Händler der Realitäten – Anna Lena Straubes neuer Bilderzyklus “Renaissance 8”

“Das habe ich gerade in LA gebaut!” An seinem neunzigsten Geburtstag stand der Architekt Frank O. Gehry vor Giovanni Bellinis “Das Fest der Götter” und deutete auf einen Waldabschnitt im Gemälde, vor dem Satyrn und andere Figuren der Mythologie lagerten. Ein halbes Jahrtausend später begegnet uns Bellinis Personal wieder in dem neuen Bilderzyklus “Renaissance 8” von Anna Lena Straube, der schon im Titel mit der stehenden Unendlichkeit-8 ganz im Sinne Nietzsches eine “ewige Wiederkehr des Gleichen” ankündigt, denn Renaissance bedeutet Wiedergeburt. Vertraute Bilder kursieren durch die Jahrhunderte; nur die Künstler sind andere, durch die sich die notwendigen Bilder immer wieder neu malen. So zirkulieren die Mänaden und Satyrn eines Bellini und Mantegna in ihren Neorenaissance-Gemälden, oder der blaue Windgott Zephir aus Botticellis “Primavera” hängt in einem Baum. Straubes Protagonisten zelebrieren eine Grundform der Renaissance und der Antike, den “Thiasos” als orgiastischen und selbstvergessenen Reigen des Dionysos und seines Gefolges. Diese hypnotischen Tänze waren “Performances” und der zwölfteilige Zyklus von “Renaissance 8” handelt von solchen Performances als innerem Grund der Bilder. Wie in den Paradoxien der Renaissance – Halbgötter, Satyrn und so genannte “wilde Männer” animieren normale Menschen zu ungewöhnlichen Taten und lassen sie dadurch weit über sich hinauswachsen – sind auch Straubes Darsteller charakterlich stark differenziert.

Im Gegensatz zu Botticellis präzise ausbalancierten Idealkompositionen überlässt Straube die Komposition jedoch der unbändigen Energie einer buchstäblich kunterbunten Truppe: Sie lässt der Schar von Freunden und Fremden freien Lauf, um einen Berliner Park zu durchstreifen und zu erobern, mit der einzigen Bedingung, dass sie alle nicht alltäglich und schön in fließende Stoffe als Warburgsche Pathosformeln gekleidet sind und dass sie nicht miteinander reden, sondern ausschließlich körperlich aufmerksam aufeinander reagieren. Aus der Flut der Bilder, die dabei entstehen, wählt sie die spannendsten und malerischsten aus. Während Botticellis “Primavera” mit seiner Grundstimmung eines goldenen Zeitalters durch den “buon governo” der Medici eine politische Aussage hatte, liegt das Politische an Straubes “Renaissance” eher in der Freiheit: Jede Figur hat sich ihren eigenen Platz im Bild gesucht, und trotz aller Unterschiede zwischen den Darstellern bilden sich immer wieder neue Verbindungen und Gruppen. Metaphorisch spiegelt sich darin die Grundüberzeugung des Künstlers wider, dass sich auch heterogenste Menschen unter Wahrung ihrer Unterschiede “konspirativ”, d.h. lateinisch “animiert”, zusammenfinden können.

“Hier wird die Zeit zum Raum”, schreibt Nietzsche, und in Straubes Hintergründen entfalten sich bewegte Räume aus den unterschiedlichsten Stilen und Zeiten, Strudel von Ornamenten bilden Zeittunnel. In “M” taucht die ikonische Silhouette der Zwillingstürme des Berliner Lustschlosses “Pfaueninsel” auf. In “P” fächern sich die traumhaften Stuckpendentive der Alhambra in Granada auf. In der Hälfte der Bilder sind es jedoch die Rokokoräume des Berliner Schlosses Charlottenburg, die den Hintergrund bilden, zuvor von Straube in einem akzentuierten Winkel mit vielen Parallaxen fotografiert. Mehrmals fallen die Linien so zusammen, dass eine unwirkliche Stimmung entsteht. Im Bild “A” etwa schiebt sich die ohnehin schon überdimensionierte Krone der Architektur der Charlottenburger Schlosskapelle so vor, dass es scheint, als wolle sie die halbnackte Frau, die uns entgegeneilt, überholen und krönen. Solche surreal bewegten und gedehnten Räume sind aus Träumen bekannt. Es entsteht das Paradoxon, dass die collagierten Figuren im Vordergrund trotz ihrer Kostüme und partiellen Nacktheit realer wirken als die konstruierten Räume im Hintergrund. Die satyrartigen Figuren gewinnen umso mehr an Authentizität, je traumhaft-surrealer die Räume hinter und vor ihnen sind, denn in der vordersten Schicht ist alles außer den Gesichtern von den typischen Drips des Künstlers bedeckt. Es regnet Farbe, wie in der Fantasie. Bei ihr ließe sich Nietzsches Aphorismus auf “Hier wird die Zeit zum Traum” erweitern: Das absolut freie, scheinbar ewige Nebeneinander gibt es vielleicht nur in der Sphäre der Kunst, aber bei Straube ist es formvollendet.  

Abbildung: Anna Lena Straube / H Renaissance 8 / 2021 / Acryl auf Leineand / 230 x 160 cm

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